Tote Bälle springen nicht.

02.11.2010 14:34

Minigolf als Wettkampfsport.

Spiegel-Online/Von Hendrik Ternieden.

Millionen Menschen spielen Minigolf zum Zeitvertreib. Wer es ernst meint mit dem Sport, wird häufig belächelt - so wie der Berliner Marco Henning. Er gehört zu den besten Spielern Deutschlands und riskiert für seine Leidenschaft auch mal den Hausfrieden.

Minigolfer Marco Henning (bei der WM 2009 in Odense): Jeder Sportler will Respekt. Achim Braungart Zink.

Barack Obama spielt auch. Der mächtigste Mann der Welt versuchte Mitte August in Florida mit Frau Michelle und Tochter Sasha, den kleinen Ball ins Loch zu schlagen. Minigolf ist ein Hobby für Millionen, Eltern spielen im Urlaub, um ihre Kinder für zwei Stunden zu beschäftigen. Studenten spielen, um gegen Freunde ein paar Bier zu gewinnen.

Manche gehen noch einen Schritt weiter. Sie kaufen eigene Bälle, eigene Schläger, trainieren, nehmen an Deutschen Meisterschaften teil und, wenn es gut läuft, an der Weltmeisterschaft. Für sie ist Minigolf viel mehr als Freizeitspaß, es ist Wettkampf-Sport. Sollte man das nun bewundernswert finden oder doch eher albern?

Berlin Marienfelde, ein milder Sonntag im Oktober. "Leck mich doch am A..." ruft der Mann in der blauen Trainingsjacke. Sein Ball ist ein paar Zentimeter an Loch vier vorbeigerollt. Auf der Anlage des Miniaturgolfvereins Tempelhof findet das letzte Senioren-Punktspiel dieses Jahres statt. Die Blätter der Birken und Kastanien sind gelb geworden, sie fallen hinab auf die Bahnen. Mit Handtuch und Besen wischen die Spieler vor jedem Versuch den Weg zum Loch frei.

Am Rand steht Marco Henning, 32, mehrfacher Deutscher Meister, Vizeweltmeister und Europameister mit der Nationalmannschaft. In seiner Karriere hat er auch schon einmal eine 18 gespielt. Das heißt: jedes Loch mit nur einem Schlag. Die perfekte Runde. Lust, ein paar Bahnen zu spielen? "Klar, gerne", sagt Henning. Er geht ins Clubhaus, um seinen Schläger zu holen und eine Tasche voller Bälle.

Immerhin kann der Mann nicht zaubern!
Geduld, Nervenstärke, Ruhe - das zeichne einen richtig guten Minigolfer aus, sagt Henning. Er reibt einen gelben Ball zwischen seinen Händen. Das soll die Temperatur erhöhen, denn schon wenige Grad mehr verändern die Eigenschaften des Spielgerätes. Es gibt "tote Bälle", die sind schwer und springen fast gar nicht. Und es gibt Bälle, die hüpfen wie ein Flummi. Jeder hat auf bestimmten Bahnen seine Vorteile. Detailbesessenheit scheint ebenfalls unverzichtbar für einen richtig guten Minigolfer.

Den Looping spielt Henning als erstes. Er steht neben der Bahn, die Füße schulterbreit, der Schläger locker in beiden Händen. Der erste Versuch geht daneben. Immerhin kann der Mann nicht zaubern. Auch der zweite Schlag trifft nicht. "Aufwärmen", murmelt Henning.

Rund 11.000 Mitglieder sind in Deutschlands Minigolf-Vereinen organisiert. Der Verband hängt am Fördertopf des Innenministeriums, in der Bundesliga spielen sechs Teams, Henning und seine Mannschaft sind im vergangenen Jahr abgestiegen. Wenn sie sonntags ein Auswärtsspiel haben, fahren sie Freitagmorgen los und trainieren zwei Tage auf der Bahn der Heimmannschaft. Für die Europameisterschaft war er zwei Wochen in Italien. "Da hängt der Haussegen schon manchmal schief", sagt Henning. Von 28 Tagen Urlaub habe er zuletzt nur fünf mit seiner Freundin verbracht. Minigolf kostet Zeit, doch Geld verdient er damit nicht. Henning arbeitet als Teamleiter beim Logistikkonzern UPS.

Der dritte Versuch am Looping sitzt. Beim Labyrinth trifft er mühelos mit dem ersten Schlag. Und dann gleich noch einmal. Henning spricht jetzt vom Dickball, vom Röhrenball und von einem roten Ball, den er "Tomate" nennt. 600 Bälle besitzt er insgesamt. Wenn man einmal weiß, wie man welchen Ball auf welcher Bahn zu spielen hat, ist es eigentlich ganz einfach, sagt Henning. Er schwingt den Schläger nur mit einer Hand und trifft erneut.

"Marco, was spielst du an der 6?"

Ein alter Mann kommt hinzu: "Marco, was spielst du an der 6?" - "SV Golf 015 plus", antwortet Henning. Er meint wieder einen Ball. Kein Wunder, dass Minigolfer oft unter sich bleiben. Die meisten Menschen reagieren abwertend, wenn Henning erzählt, er betreibe Minigolf als Sport. "Lächerlich" fänden sie das, sagt er. Er denke sich dann seinen Teil. "Warum soll ich mich noch aufregen?"

Vor fast 15 Jahren bot er einem Freund eine Wette an. Sie spielen zehn Runden Minigolf, wenn er am Ende insgesamt über 100 Schläge besser ist, muss sich der Freund für sein Lästern entschuldigen. 200 Schläge Rückstand waren es am Ende wohl, so genau weiß Henning das nicht mehr. Sein Freund wünschte ihm damals noch viel Erfolg für das nächste Turnier.

In Berlin-Kreuzberg hat kürzlich eine Halle aufgemacht, in der man das ganze Jahr über spielen kann. Die Bahnen wurden von Künstlern gestaltet, sie leuchten bunt im Schwarzlicht. Es ist eine Attraktion für Hobbyspieler, auch in Hamburg und Düsseldorf gibt es Schwarzlicht-Bahnen. Eine tolle Kulisse, ein Freizeitspaß - mehr nicht.

Henning und seine Teamkollegen haben bis April Winterpause. Er will sich die Anlage in Kreuzberg mal anschauen. Aber für seinen Sport misst er dieser Spielerei keine Bedeutung bei, das spürt man. In den Zeitungen wurde mehr über die neu eröffnete Schwarzlicht-Anlage geschrieben als über den EM-Titel der Nationalmannschaft. Minigolf wird in der Öffentlichkeit wohl immer ein netter Zeitvertreib bleiben. Die Leute sollten allerdings akzeptieren, so Henning, dass manche es ernst meinen mit dem Sport. Jeder Sportler will für sein Talent respektiert werden.

Auf der Anlage in Berlin wird es langsam kühl, die Bahn liegt schon im Schatten. Beim Minigolf geht es um Nervenstärke? Um Ruhe, um Konzentration? Also gut, angenommen, dies wäre ein echter Wettkampf, dies wäre die letzte Bahn. Wer hier siegt, gewinnt alles. Marco Henning steht an Loch neun, dem Netz, für viele Hobby-Spieler ein Grauen. Er lässt die "Tomate" auf die Bahn fallen, schaut noch kurz auf sein Ziel. Dann spielt er eine eins.

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